Erst für politisch tot erklärt, jetzt Kanzlerin: Scholz tritt die Nachfolge von Merkel an

Trotz seines Enthusiasmus und seiner großen Ambitionen ging er nicht sofort in die Politik. Er studierte zunächst Rechtswissenschaften und arbeitete mehrere Jahre als Rechtsanwalt für Arbeitsrecht. Zu dieser Zeit, kurz nach dem Mauerfall, wurden in Ostdeutschland öffentliche Unternehmen im großen Stil privatisiert. Scholz berät die Betriebsräte dieser Unternehmen bei der Regelung für Arbeitnehmer, die ihren Arbeitsplatz verlieren. Er belässt die Politik bei dem, was sie ist. „In dieser Zeit habe ich viele meiner Meinungen überdacht“, sagte er später. in einem Interview mit dem Spiegel sagen. „Ich habe mich entgiftet.“

Er kehrt in die Politik zurück, aber seine Ansichten sind gemäßigter, er wird pragmatischer. Er stieg innerhalb der Partei auf und wurde unter anderem Bürgermeister von Hamburg. Dort packte er die Wohnungsnot an und schaffte es durch eigene Verhandlungen, den maroden Bau der Elbphilharmonie zu restaurieren, die inzwischen zu einer Touristenattraktion geworden ist. Anschließend wurde er Arbeits- und dann Finanzminister des Landes sowie Vizekanzler unter Angela Merkel.

wie ein Roboter

Es gibt auch Unvollkommenheiten. Als Hamburger Bürgermeister hat er die Proteste rund um den G20-Gipfel in seiner Stadt unterschätzt, die ausufern könnten. Während er Finanzminister war, ging bei der Beilegung des Wirecard-Skandals viel schief. Auch sein Ministerium wurde kürzlich im Rahmen einer Untersuchung von Fehlern bei der Behandlung von Geldwäschefällen durchsucht.

Auch in seiner Partei ist er nicht immer beliebt. 2019 kandidieren er und ein weiteres Parteimitglied für das Präsidentenamt. Das Duo verliert. Parteimitglieder würden ihn unter anderem für zu technokratisch, zu pragmatisch und sogar rechts halten. Scholz hat einen Spitznamen: „der Scholzomat“. Er soll roboterhaft sein, hält keine hitzigen Reden und zeigt wenig Emotionen. Zeitung Die Zeit erklärt ihn für politisch tot.

Doch wie bei allen Rückschlägen sitzt Scholz. Einer seiner Mitarbeiter hat angeblich eine Notiz in seinem Büro hinterlassen, schreibt Der Spiegel, der lautet: Erstes Gesetz von „Scholz: Wir sind nie gekränkt – wir sind nie hysterisch“. Er schafft es, sich mit der Partei zu versöhnen und wird „Canzler-Kandidat“.

Es war genau diese Meisterschaft und, so viele Deutsche, Dumpfheit, die ihm zum Sieg verholfen hat. Wo seine Gegner scheitern, bleibt er ruhig. Die Skandale seiner Vergangenheit bleiben ihm nicht haften, vielleicht zu kompliziert. Es gibt genug Deutsche auf der Suche nach Stabilität, die ihm vertrauen, die von Merkel hinterlassene Lücke zu füllen.

Helfried Beck

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