Wagner war ein Sensor seiner Zeit

Während Nynke van Verschuer tippte ihren Bericht über die Wagner-Ausstellung in Berlin, als Übersetzerin der gesammelten Prosaschriften Wagners war ich Ehrenmitglied des niederländischen Wagner-Verbandes. Die feierliche Zeremonie fand am 10. Mai in Amsterdam statt, am nächsten Tag fiel mein Blick auf meinen Kopf Warum wurde Wagner nicht schon abgesagt? Was sollte ich darauf sagen? Schließlich gibt die Journalistin nichts weiter als ihre Vision einer Ausstellung, auf der ich noch nicht war. Doch der Kopf ließ mich nicht los.

Auffallend ist, dass sich diese Frage erst jetzt bei Wagner stellt. Die Pawlowsche Antwort „Wagner-Antisemitismus-Hitler“ ist seit über einem dreiviertel Jahrhundert die Norm und Wagners Name als Schriftsteller wird unweigerlich mit dem berüchtigten Artikel „Das Judentum in der Musik“ in Verbindung gebracht. Es sind mehrere Dutzend Seiten von mehr als dreitausend Seiten übersetztem Primärtext.

Als Übersetzer habe ich mich damals sehr mit der Frage herumgeschlagen: ‚Warum diese Reihe mit diesem Essay verderben?‘ Ich tat es trotzdem und gab eine Einführung dazu mit dem Versuch, es in den Kontext der antisemitischen Stimmung des 19. Jahrhunderts in der europäischen Kultur zu stellen. Mich hat vor allem die Erkenntnis motiviert, dass immer noch alle über diesen Artikel reden, ihn aber noch nie jemand gelesen hat.

Das ist die Achillesferse der Widerrufskultur. Moralische Verurteilungen führen oft zu beträchtlichem Wissen. Es ist in Ordnung, etwas nicht zu mögen, und dafür hat Wagner jede Menge Anhaltspunkte. Aber wenn man es sich ohne Hintergrundwissen zum Sport macht, die großen Ikonen der europäischen Kulturgeschichte wahllos in den Müll zu werfen, dann muss man sich irgendwann fragen, wer einem damit einen Gefallen tut.

Wagner war ein Eroberer seiner Zeit und seine Prosa ist eine interessante Reflexion des tragischen Kampfes der deutschen Kultur und des Niedergangs der deutschen Kultur Bildungsbürgertum† Schon aus Gründen des kulturhistorischen Selbstverständnisses ist es sinnvoll, zur Kenntnis zu nehmen. Die Kultur der Aufhebung, die den Anspruch erhebt, im Namen eines erwachten aufgeklärten Gewissens zu handeln, läuft Gefahr, in Obskurantismus und Intoleranz gegenüber allem, was von der neuen Norm abweicht, abzugleiten.

Haarlem

Helfried Beck

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