Das Ziel ist in Sicht, doch die Positionen in der Haushaltsdebatte liegen noch in weiter Ferne

Wenn es eine Pilgerreise wäre, könnten wir laut Nadia Calvino sagen: Es sind noch ein paar Kilometer vor uns. Doch der spanische Finanzminister betonte am Donnerstag: „Jetzt erscheint die Kathedrale“.

Calvino zog diesen Vergleich nach einem weiteren Treffen europäischer Finanzminister zur Reform der sogenannten „Haushaltsregeln“. Und seine Analogie ist vielleicht nicht einmal sehr weit hergeholt. Denn auch dort ist der Weg lang, beschwerlich und kompliziert. Und manchmal stellt sich unter den Teilnehmern die Frage: Werden wir es schaffen?

Auch wenn die sehr heikle europäische Debatte über Haushaltsregeln in ihre letzte Phase eintreten dürfte, liegen die unterschiedlichen Positionen noch sehr weit auseinander. Der Ehrgeiz, noch in diesem Jahr zu einer Einigung zu kommen, ist groß, doch nach Angaben der Beteiligten ist noch unklar, wie ein endgültiger Vorschlag aussehen soll. Die Frage ist auch, ob es noch viel Raum für Ambitionen gibt, die Regeln zu vereinfachen, da immer mehr Bedingungen berücksichtigt werden.

Individuelle Treffen

Im Mittelpunkt der Diskussion steht die Frage, wie die EU-Länder ihre nationalen Haushalte organisieren sollen. Grundsätzlich gibt es in der EU dafür zwei Grundregeln: eine maximale Staatsverschuldung von 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und ein Haushaltsdefizit von maximal 3 Prozent. Die Regeln sollen die Finanzstabilität der EU gewährleisten, in der Praxis werden sie jedoch von Brüssel kaum respektiert und schlecht angewendet.

Viele Länder überschreiten die gesetzliche Schwelle von 60 % der Staatsverschuldung.

Grund für eine gründliche Überprüfung: Die Europäische Kommission hat im April dieses Jahres vorgeschlagen, eine stärkere Anpassung zu ermöglichen und individuelle Vereinbarungen mit den Mitgliedstaaten über einen Schuldenabbauplan zu treffen. Viele Länder überschreiten derzeit 60 Prozent der genehmigten Staatsverschuldung: von Belgien (105 Prozent) über Frankreich (110 Prozent) bis hin zu den Ländern mit der besten absoluten Wertentwicklung, Italien (144 Prozent) und Griechenland (170 Prozent).

Sie zu zwingen, ihre Schulden zu schnell abzubauen, würde nicht nur eine wirtschaftliche Malaise auslösen, sondern, sagen Kritiker, auch keinen Raum für notwendige Investitionen in die Klimawende lassen. Deshalb hat Brüssel vorgeschlagen, mit jedem Land individuelle Abkommen zu schließen, in denen der Schuldenabbau Voraussetzung ist, die Länder aber auch zusätzliche „Zeit“ gewinnen können, wenn sie erhebliche Investitionen tätigen wollen.

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Vor allem in Berlin stieß das Projekt auf heftigen Widerstand. Bundesfinanzminister Christian Lindner betonte bis vor Kurzem noch, dass er der Idee von mehr Flexibilität und Personalisierung überhaupt nicht zustimme. Der Ton des Deutschen scheint sich nun zu ändern. „Mein Optimismus ist gewachsen“, sagte Lindner lächelnd am Donnerstagmorgen bei seiner Ankunft in Brüssel.

Er hatte also Grund, zufrieden zu sein. Zu den neuen Kompromissvorschlägen, die am Donnerstag veröffentlicht wurden, gehören neue Garantien, die sicherstellen sollen, dass die Länder nicht nur ihre Schulden reduzieren, sondern auch ihre Haushaltsdefizite deutlich unter 3 Prozent halten. Genau die Art von „klaren Regeln, die nicht so oder so politisch zunächst ausgelegt werden können“, auf die sich auch Lindner in einem Interview bezog NRC im Juni angerufen.

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Es besteht jedoch noch immer große Uneinigkeit darüber, welche genauen Zahlen die Kommission zur Überwachung des Schuldenabbaus und des Haushaltsdefizits verwenden sollte. Ebenso wie das, was Länder, die sich dagegen sträuben, wie beispielsweise Italien, als Gegenleistung erhalten, um die gewünschte Flexibilität des neuen Systems aufrechtzuerhalten. Ein Vorschlag, den Ländern den Aufschub des Schuldenabbaus zu erleichtern, stößt beispielsweise in Den Haag auf Widerstand.

Ein zusätzliches Treffen der europäischen Finanzminister Ende November sollte einen entscheidenden Durchbruch ermöglichen. Noch wichtiger ist, dass Lindner und sein französischer Kollege Bruno Le Maire am Donnerstag angedeutet haben, dass sie sich bald besuchen würden, um auf einer Wellenlänge zu sein. Wir hoffen in Brüssel, dass ein solcher deutsch-französischer Kompromiss letztlich der Auftakt zu einer europäischen Einigung sein wird.

Schließlich ist die Fristsetzung Ende dieses Jahres nicht willkürlich. Nachdem die Haushaltsregeln in den letzten Jahren aufgrund der Pandemie und des Krieges außer Kraft gesetzt wurden, treten sie am 1. Januar wieder in Kraft. Um zu verhindern, dass diese alten Regeln erneut in Kraft treten, müssen die EU-Minister ihre Anstrengungen verstärken.

Adelbert Eichel

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