Spalte | Der Westen muss Kurs halten und Kiew unterstützen

Am Mittwochmorgen wurden NRC.nl, eine Kolumne über Heimarbeiter („labbekakkers“) und eine Fernsehkritik über einen 62-jährigen Mann, der ein Schloss renoviert („sanft gestört“), am meisten gelesen. Dies ist nur eine Momentaufnahme Ihrer Lesegewohnheiten, aber es veranschaulicht eine gewisse ukrainische Müdigkeit, die sich einstellt, wenn der Krieg hundert Tage dauert. Doch allein die ukrainische Seite tötete diese Woche fünfzig bis hundert in schweren Kämpfen im Donbass. Pro Tag.

Putins Krieg ist zu einem Zermürbungskrieg geworden. Für Grabensoldaten, aber auch für den Westen. Ohne die Unterstützung Europas und der USA ist für Kiew bald Schluss. Doch je länger der Krieg dauert, desto schwieriger wird es, den Zusammenhalt der ersten Wochen aufrechtzuerhalten. Auch hier werden die Sanktionen mehr schmerzen (Energiepreise), die Einheit des Westens steht unter Druck und die Versuchung, eine kurze Pause von den Leiden des Krieges einzulegen, wächst. „Die Müdigkeit ist verständlich“, sagte der Außenminister Annalena Baerbock im deutschen Fernsehen, „Aber selbst wenn wir erschöpft sind, müssen wir die Ukraine unterstützen.“

Die Einheit ist vor allem ein europäisches Problem. Die EU versucht seit Wochen, den ungarischen konservativen Premierminister Viktor Orbán, Führer von 2,2 % aller EU-Bürger (9,7 von 447,7 Millionen), dazu zu bringen, einen Boykott des russischen Öls zu akzeptieren. Auf einem zweitägigen EU-Gipfel Anfang dieser Woche wurde über Nacht eine politische Einigung erzielt. Danach legte Ungarn am Mittwochmorgen lässig neue Forderungen auf den Tisch.

Orbán ist ein böser Unruhestifter mit Vetorecht, aber Ungarn ist nicht das eigentliche Problem. Das eigentliche Problem in Europa ist, dass „jede Region einen anderen Albtraum hat“, wie Arancha González Laya, ehemalige spanische Außenministerin und jetzt an der Universität Paris Sciences Po angegliederte, diese Woche formulierte.

Jede Region Europas fürchtet einen anderen Feind. Der Süden fürchtet die Folgen der Anarchie in der Sahelzone. Der Osten hatte jahrzehntelang Herzklopfen von Wladimir Putin und sieht nun, wie berechtigt diese Befürchtungen waren. Im Westen merkt man die Risiken in den Analysen an, aber man hält sie nicht jede Nacht durch. „In Europa hat jeder seine eigene Risikobewertung“, sagte González Laya.

Die Empörung über Putins Aggression ging über diese Differenzen hinaus, aber alte Bruchlinien könnten Europa erneut einen Streich spielen. Es gibt ein ukrainisches Szenario, das die Politiker jetzt beunruhigt: Putin nimmt den gesamten Donbass ein und wartet ab. Er hat dann eine Trophäe zur Rechtfertigung des Krieges zu Hause und kann aussitzen, bis die Westfront zusammenbricht. Wäre der Westen nicht versucht, ihn um Himmels willen endlich diesen Donbass behalten zu lassen – einen Teil, den er bereits kontrollierte?

Schon die Frage, ob man mit Putin sprechen soll, spaltet. Präsident Macron und Bundeskanzler Scholz trafen ihn am vergangenen Wochenende und forderten einen Waffenstillstand. Aus humanitärer Sicht wäre es ein Segen, aber es bedeutet, dass Putin zunächst riesige Gebietsgewinne einfahren wird – dreimal so viel wie die Niederlande, wenn Sie die Krim mit einbeziehen.

Osteuropäer sind wütend über Gespräche mit Putin. Sie sind die Falken der europäischen diplomatischen Arbeitsteilung. „Wenn ihn ständig alle anrufen, fühlt er sich nicht isoliert“, de Estnische Ministerpräsidentin Kaja Kallas, eloquenter Interpret der kompromisslosen Linie. In Kallas Augen kann der Konflikt nur enden, wenn Putin aus der gesamten Ukraine ausgewiesen wird, sonst wird er es früher oder später wieder versuchen. Einige Militäranalysten glauben auch, dass die Ukraine Russland nicht vollständig zurückdrängen kann.

Zum Glück für die Ukraine wird die westliche Strategie nicht nur in Estland oder Frankreich bestimmt. März-Aufträge für den Westen kommen aus Washington. Präsident Biden hat seine gesetzt Die Strategie der Ukraine einfach diese Woche in der Zeitung† Die Vereinigten Staaten unterstützen die Ukraine weiterhin mit Waffen und Geld, damit das Land in den Verhandlungen so stark wie möglich ist, schrieb er Die New York Times. Und: „Ich werde die ukrainische Regierung – weder privat noch offen – zu territorialen Zugeständnissen drängen.“

Putins Krieg kann nur durch Diplomatie beendet werden. Wann die Ukraine an den Tisch kommt, kann nur die Ukraine selbst entscheiden. Bis dahin muss der Westen einen kühlen Kopf bewahren – denn jetzt werden fast täglich neue Waffen versprochen.

Geopolitischer Redakteur Michel Kerres alle zwei Wochen über das Kippen der Weltordnung geschrieben.

Poldie Hall

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