In memoriam: Theo Sommer. Plädoyer für eine europäischere NATO

„Lieber nicht über Dinge schreiben, die man nicht mit eigenen Augen beurteilen kann“, diese weise Lehre hat Theo Sommer (1930-2022), einer der größten deutschen Journalisten und führenden Kenner der internationalen Politik, seinen Kollegen stets beigebracht.

Dies gilt im weiteren Sinne auch für die zahllosen „Experten“, die Informations- und Interpretationsprogramme von Ereignissen in der Ukraine, Russland, China oder anderswo auf der Welt bestellen, ohne jemals einen Fuß auf den Grund eines dieser Länder gesetzt zu haben.

Empfehlung

Sommer war inzwischen fast überall auf der Welt unterwegs, als Reporter, vor allem als Teilnehmer an internationalen Konferenzen oder als Gesprächspartner von Staatsmännern und Diplomaten. Als Redakteur der führenden Wochenzeitung machte er sich einen Namen Die Zeit – eine Position, die er von 1973 bis 1992 innehatte – und für die nächsten acht Jahre als Redakteur zusammen mit Altkanzler Helmut Schmidt und Altredakteurin Marion Dönhoff,“Dies Graffin‚. Sie war es, die Sommer 1958 auf Empfehlung von niemand geringerem als dem berühmten Politologen Theodor Eschenburg als Redakteurin rekrutierte.

Sommer, 28, der sich bereits in einer Regionalzeitung einen Namen gemacht hatte, wird seine Promotion über die Beziehungen zwischen Deutschland und Japan in den 1930er Jahren bei Professor Hans Rothfels in Tübingen verteidigen. Dieser deutsch-jüdische Historiker war übrigens einer der ersten, der ein Buch über den deutschen Widerstand gegen Hitler geschrieben hat. Es erschien 1948 auf Englisch und ein Jahr später auf Deutsch unter dem Titel Die deutsche Opposition gegen Hitler. Eine Würdigung.

Elite-Bildung

Vielleicht liegt die Ironie der Geschichte darin, dass der junge Mann, der bei einem „Emigranten“ promoviert wurde, selbst bis zum letzten Tag des Dritten Reiches in der „Führer“ glaubte weiter. Als Sohn eines Berufssoldaten besuchte Sommer von 1942 bis 1945 die Adolf-Hitler-Schule in dem Ordensburg Sonthofen in Süddeutschland (wo er herkommt).

Diese elitäre Erziehung hatte ihn zu einem fanatischen Bekenntnis zum Nationalsozialismus (NS) prädestiniert. Die Niederlage Nazideutschlands und seine Scham über die Verbrechen des NS-Regimes veranlassten ihn zum Studium der Geschichte. Er wollte wissen, wie es dazu kam, dass sich die große Mehrheit der Deutschen von Hitler regieren ließ. Es war seine Art von‘Vergaanheitsbewältigung“ (Verarbeitung der Vergangenheit).

Mit seinem Vater, der schwer verletzt aus dem Krieg gekommen war, sprach er nicht darüber. Wie konntest du das tun, sagte er in einem Interview mit einem Mann, der die letzten 24 Jahre seines Lebens damit verbracht hat, jeden Tag vor Schmerzen zu stöhnen.

Veraltete Nato

schreiben für Dies Zeit war für Theo Sommer auch ein Dienst an der Demokratie. Gesellschaftlich mag das Blatt ein linksliberales Image haben, aber in der internationalen Politik war Sommer ein „atlantisch“, jemand, der sich für starke Beziehungen zwischen Europa und den Vereinigten Staaten von Amerika einsetzt.

Er war überzeugt, aber nicht ohne Kritik. Europa sollte lernen, mehr auf eigenen Füßen zu stehen, meinte Sommer. Davon zeugt auch sein Buch. Dieser Nato-Hut hat gedient. Das Bündnis muss europäischer werden. Ein Standpunkt (2012) („Diese NATO ist obsolet. Das Bündnis muss europäischer werden“).

Deutsche Wiedervereinigung

Aufgrund seiner pro-westlichen Haltung war Sommer verständlicherweise skeptisch gegenüber der DDR, dem kommunistischen deutschen Staat. Als einer der Ersten bereiste er jedoch 1964 mit seinen Kollegen Marion Gräfin Dönhoff und Rudolf Walter Leonhardt dieses „andere“ und geistig so ferne Deutschland.

Seine Ideen spiegelten sich wider Bestseller, Verkaufsschlager, Spitzenreiter Reise in ein fernes Land: Post über Kultur, Wirtschaft und Politik in der DDR. Sommer machte darauf aufmerksam ‚Deutschlandpolitik‚, Beziehungen zwischen den beiden deutschen Staaten, lebhaft. Doch selbst im Oktober 1989 – bis kurz vor dem Mauerfall – glaubte er nicht an die deutsche Wiedervereinigung. Ihm zufolge würden die anderen Mächte es aus Angst vor einem zu starken Deutschland nicht wollen.

Bildungsburger

Sommer war äußerst produktiv. Als Redakteur schrieb er 1200′Leitmotiv‚ (Hauptartikel für die Titelseite der Wochenzeitung) und außerdem sechzehn Bücher und unzählige Artikel und Kolumnen für internationale Zeitschriften und Zeitungen flossen aus seiner Feder. Letzteres kann man für bare Münze nehmen, denn Sommer hat alles fein säuberlich von Hand geschrieben. Ihm zu schreiben war wie „einen Wald betreten“. Oft wusste man nicht, wie man rauskommt. Das Schreiben war für ihn auch eine Möglichkeit, den Leser zu erziehen.

wenn ‚Bildungsburger“ – ein kultur- und geschichtskundiger Bürger – streute er gern die Namen großer Persönlichkeiten wie Bundeskanzler Otto von Bismarck, Kulturhistoriker Jacob Burckhardt und Dichter Paul Valéry ein. Er verwendete auch gerne schwierige Wörter, denn „der Leser muss ein Wort mindestens einmal pro Seite nachschlagen“.

Er stellte fest, dass Redakteure das alles nicht mehr tun, aber sie liefern auch, indem sie ‚Journalistische Schulen‚. Er forderte seine Redakteure ständig auf, fleißig zu schreiben, denn ‚Die Muse betritt kein leeres Arbeitszimmer‚ („Die Muse betritt kein leeres Kabinett“).

Erinnerungen

Théo Sommer hatte seine Memoiren gerade noch rechtzeitig bei seinem Verleger abgeliefert. Am Montag, den 22. August, starb er im Alter von 92 Jahren (aber jung im Herzen) nach einem Sturz in seinem eigenen Haus in Hamburg. Mit seinen zahlreichen Artikeln und Büchern und seinen Interviews mit Größen der nationalen und internationalen Politik hat er die Außenpolitik der Bundesrepublik stark geprägt.

Adelbert Eichel

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