Er hatte nicht viel, Putin – Joop

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Wladimir Poutine

Er hielt durch, aber ich glaube, er fühlte sich schlecht. Er sah aus wie Russland selbst.

Nach all den Spekulationen der vergangenen Tage entpuppte sich die Rede Wladimir Putins bei der Siegesparade am 9. Mai als Enttäuschung. Der Präsident hatte nichts Neues zu berichten. Er setzte das Heldentum der Roten Armee im Zweiten Weltkrieg mit dem ihrer Soldaten im Donbass gleich. Er versprach, sich um die Angehörigen der Toten zu kümmern. Er stellte fest, dass Russland jetzt, da die NATO versuchte, es in die Enge zu treiben, keine andere Wahl hatte und seit langem jeden Kompromiss ablehnte. Putin einmal erwähnt Stepan Bandera, ein ukrainischer Ultranationalist, der im Zweiten Weltkrieg mit den Nazis gemeinsame Sache machte. Weil er sich nicht wie eine Marionette benahm, steckten ihn die Deutschen in eine Luxusabteilung des Konzentrationslagers Sachsenhausen. 1944 ließen sie ihn frei, woraufhin er begann, mit den Amerikanern zu arbeiten. Bandera wurde 1959 von russischen Geheimagenten ermordet. 2010 erklärte Präsident Juschtschenko ihn zum Helden der Ukraine. Natürlich hat Putin mit diesem Beispiel noch einmal betont, dass der Westen alte und neue Nazis schützt. Dies war fast seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ein wiederkehrendes Thema in der Propaganda der Sowjetunion und ihrer Satellitenstaaten. Als ehemaliger KGB-Agent hat Putin keine Probleme, diese Tradition fortzusetzen. Er nutzt sie, um das russische Volk zu Wachsamkeit und Kampfgeist anzustacheln.

Die Kämpfer von heute folgen den Helden des Zweiten Weltkriegs – Putin nannte einige von ihnen – und der Sieg wird auch ihnen gehören. Putin sagte nichts über die Art dieses Sieges. Er sprach über Donbass. Er deutete an, dass der Kampf gegen Neonazis weitergehe, formulierte aber kein Kriegsziel. Er zog es vor, auf den sicheren Boden der Gedenkstätte zurückzukehren.

Nach der Parade folgte eine Kranzniederlegung. Dann setzte Putin rote Nelken auf die großen Gedenksteine, die für die Heldenstädte des Zweiten Weltkriegs errichtet wurden. Das russische Fernsehen beschrieb nachdrücklich, wie Sewastopol auf der Krim und Odessa in diese Linie aufgenommen wurden.

Und das war es. Eigentlich sehr mager. Respektvoll. Das ist nicht das, was man von einem Warlord erwartet. Wladimir Putin sah schlecht aus. Etwas Zitterndes lag in seinem Schritt. Von Zeit zu Zeit gab er einem General eine sanfte Hand. Er hatte einen roten Kopf. Während seiner Rede verlor er einmal fast den Überblick. Er hielt durch, aber ich glaube, er fühlte sich schlecht. Er sah aus wie Russland selbst.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass der Zertifikatsskandal genauso wenig aus der öffentlichen Meinung verschwinden sollte wie die Groninger Erdgasaffäre.

Hören Der GedächtnispalastHan van der Horst und John Knieriems Podvast über Politik und Geschichte.

Helfried Beck

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