Deutschland will russische Energiekonzerne verstaatlichen

International15. April 22 11:54AutorBNR Web-Editoren

Deutschland will im Ernstfall russische Energiekonzerne enteignen können. Bei der deutschen Gazprom-Tochter ist dies bereits geschehen, könnte aber bald auch andere Energieversorger betreffen. Im niedersächsischen Rehden gebe es ein großes Gasvorkommen, und es werde geprüft, wie es tatsächlich in die Hände der Bundesregierung gelangen könne, sagte Deutschland-Korrespondent Derk Marseille.

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Gas für 2 Millionen Haushalte

Die größten Erdgasvorkommen befinden sich in Niedersachsen, dem Bundesland, in dem der Gazprom-Lobbyist Gerhard Schröder bis 1998 Ministerpräsident war. Mit einem Volumen von 3,9 Milliarden Kubikmetern ist Rehden bei Hildesheim einer der größten Erdgasspeicher Westeuropas . Hinzu kommt ein Speicher in Jemgum nahe der holländischen Grenze, der 2013 gemeinsam mit WINGAS und VNG in Betrieb genommen wurde. WINGAS wiederum ist eine 100-prozentige Tochtergesellschaft von Gazprom. „Auch das steht auf der Liste, die in die Hände der Regierung zurückgegeben werden soll. Deutschland ist immer noch sehr abhängig von russischem Gas, aber um diese Abhängigkeit zu verringern, ist beispielsweise eine Gasspeicherung vorgesehen. Und jetzt sind wir bei den Gasreserven angelangt.

Ein Fünftel der deutschen Gasreserven liegt in Rehden, eine Menge, mit der 2 Millionen Haushalte ein Jahr lang beheizt werden können. Wirtschafts- und Klimaminister Habeck hält es für zu riskant, dass diese wichtigen Energielieferungen in den Händen russischer Staatsunternehmen liegen.

Laut Marseille erfordert diese Enteignung eine gewisse „Agilität des Geistes“: „Wir sprechen von einem Land, das Milliarden russisches Gas kauft und tatsächlich so tut, als sei alles in Ordnung, und gleichzeitig von so etwas wie Enteignung spricht.“

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Treuhandanstalt

Diese Enteignung ist übrigens teilweise auch schon bei der deutschen Gazprom-Tochter erfolgt, wo Habeck bereits interveniert hat. Es war ein relativ einfacher Eingriff, weil der Rat hier selbst zurückgetreten ist und wir nicht wussten, wer dafür verantwortlich war. Habeck stellte daraufhin das Unternehmen unter staatliche Kontrolle. Dies will er nun für alle ausländischen Unternehmen, die kritische Energieinfrastruktur betreiben, ermöglichen. Sie werden dann der Treuhand unterstellt. Die Treuhand ist ein Dritter, der sich mit Sektoren und Unternehmen befasst, deren Eigentum unklar ist und der Staat sich nicht direkt selbst regieren will.

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Energiesicherheitsgesetz

Nach dem Fall der Berliner Mauer kümmerte sich die Treuhandanstalt um viele ehemalige DDR-Unternehmen. Vor allem für die geplanten Enteignungen wird der Energy Security Act von 1975 wieder entstaubt, ein Gesetz, das als Reaktion auf die damalige Ölkrise erlassen wurde. Dieses Gesetz gibt der Exekutive die Möglichkeit, durch gesetzliche Regelungen zur Gewährleistung der Versorgungssicherheit einzugreifen. Dazu gehören auch Maßnahmen wie autofreie Sonntage oder Tempolimits. Diese Möglichkeiten enthält das Gesetz noch.

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Mariele Geissler

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