Chronik: Ich zelte seit ein paar Wochen in einem Buch. Ältester Junge…





Ben van Melick de Hoensbroek ist Publizist und ehemaliger Lehrer.



Kriegszeit. Wir sind alle Überlebende, wir haben Angst, wir helfen, wir tun so, als wäre nichts passiert oder wir suchen Zuflucht. In den letzten Wochen habe ich in einem Buch gezeltet. Wolfzeit. Deutschland zwischen 1945-1955von Harald Jähner, bekannter Berliner Schriftsteller und Journalist.

Ich habe eine Schwäche für Deutschland. Aufgewachsen mit deutscher Sprache, Familie, Schlager – Peter Kraus und Caterina Valente, mit deutschem Fernsehen, Zeitschriften und Kino, einer Deutschlehrerin, die uns an Literatur und Kulturgeschichte herangeführt hat. Das Literarische Quartett und frischer Druck Literarische Leuchttürme sind der Philosoph David Precht u Tatort meine ultimative Entspannung am Sonntagabend. Viele meiner Bücher kaufe ich in Aachen. Und ich bin süchtig nach den Talkshows von Marcus Lanz und Anne Will, in denen die Tiefe vorbildlich Gestalt annimmt.

Mentalitätsgeschichte

Zeitalter des Wolfs 1945-1955, eröffnet einen faszinierenden Abschnitt deutscher Geschichte: die Verdrängung der NS-Vergangenheit und den Aufbau einer neuen Gesellschaft, eine Ära, die nur in einer Mentalitätsgeschichte erfasst werden kann. In diesem Fall in einem dicken Buch voller zusammenhängender Geschichten und Berichte aus Alltag, Politik, Kultur und Kunst, voller Ideen, Wissenswertem und eloquenten Illustrationen. Fesselnd von der ersten bis zur letzten Seite.

Wolfszeit will die Frage beantworten, wie es einem verstörten und gehirngewaschenen Herrenvolk, bestehend aus 12 Millionen Flüchtlingen, 10 Millionen demobilisierten Soldaten und 10 Millionen Obdachlosen, gelang, in einem Jahrzehnt eine Mentalität zu entwickeln, die eine freiheitliche Gesellschaft und parlamentarische Demokratie ermöglicht. Und das auf den Ruinen zerstörter Städte.

Natürlich, Marshal Help und die Wirtschaftswunder waren Bedingungen, um aus der tiefsten Not herauszukommen, aber das erklärt nicht den Mentalitätswandel. Jähner betont den geistigen Hunger und die Notwendigkeit einer neuen Kunst und einer neuen Kultur nach 12 Jahren geistiger Unterdrückung.

Amerikaner

Es zeigt die Bedeutung der Amerikaner, nicht nur durch ihren ansteckenden Optimismus, sondern vor allem durch ihre Umerziehungsprogramme. Die Umerziehung der Deutschen war für die Amerikaner unerlässlich. Das deutsche Volk hat gezeigt, dass es die Demokratie nicht unterstützt. Das musste sich ändern.

Psychologische Kriegsführung

Bereits 1943 rekrutierte der Militärgeheimdienst in den Vereinigten Staaten angesehene Deutsche. Sie wurden in psychologischer Kriegsführung ausgebildet, mussten nach der Kapitulation die Nationalsozialisten als Meinungsmacher in neu geschaffenen Zeitungen zu Demokraten erziehen. Journalisten, Schriftsteller und bildende Künstler spielen bei diesem Mentalitätswandel eine wichtige Rolle. Und es hat bis zu einem gewissen Grad funktioniert. Die Schuldfrage, die Aufarbeitung der kriegerischen Vergangenheit und der NS-Diktatur, die unter Intellektuellen die Frage nach der Stabilität der neuen demokratischen Ordnung aufwarf, beschäftigte die Deutschen in diesen frühen Jahren wenig bis gar nicht.

Qualität der Demokratie

Schriftsteller Hans Habe hat eine Romanfigur, die sagt: Das Leben geht weiter, weil das Gewissen noch steht† Die Qualität der Demokratie ist wieder ein Thema. Die 1946 formulierte Antwort des deutschen Philosophen Karl Jaspers, Lehrer von Hannah Arendt, ist bis heute ein Leuchtfeuer. Die Deutschen müssen neu lernen, miteinander zu kommunizieren. Ohne geht es nicht Schonungslose Ehrlichkeit, unerbittliche Ehrlichkeit. Eine Bedingung für eine stabile Demokratie ist: lernen, miteinander zu reden, zuzuhören, was der andere denkt. Denken Sie im Kontext, bleiben Sie bereit, neue Ideen zu entwickeln. Erkenne den Widerspruch an.

These

Jaspers sagt: Gemeinsamkeiten zu finden, was sich widerspricht, ist wichtiger als sich gegenseitig ausschließende Positionen festzuhalten, weil es das Gespräch sofort beendet. In seiner dieses Jahr großartig neu aufgelegten kleinen Abhandlung Die Schuldfrage er sagt: wir müssen den Willen zum Denken wiederherstellen, die Gefühle der Empörung und Verzweiflung aufheben. Der tiefe Ernst, der Glaube an das menschliche Potenzial, die klare Argumentation bewegen. Dass neue deutsche Demokraten wie Annalene Baerbock und Robert Habeck Jaspers‘ Maximen in die Tat umsetzen, macht Hoffnung. Ich habe eine Schwäche für Deutschland.

Ben van Melick de Hoensbroek ist Publizist und ehemaliger Lehrer.

Adelbert Eichel

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